Las Vegas, Myanmar

Während des Wasserfestes im Jahre 2002 waren wir (d. h. eine burmesische Reiseleiterkollegin und ich) nach Kyaing Tong geflogen, um uns über die touristische Infrastruktur in diesem selten besuchten Landesteil zu informieren. Bei der Gelegenheit machten wir einen Abstecher nach Maingla (auch genannt Meng La oder Mong La), dem ‚Sündenbabel‘ des Landes – genannt Myanmars Las Vegas! Meines Wissens ist das Gebiet seit langer Zeit für Ausländer – es sei denn, sie sind Chinesen – gesperrt.

Zuerst besorgten wir uns ein Permit, was damals relativ einfach war. Von Kyaing Tong, der Hauptstadt des North Eastern Shan States, ging es Richtung Nordosten ins ca. 100 km entfernte Maingla. Nach Überquerung des Taping Rivers erreichten wir einen Kontrollposten, der die Grenze zur Shan State Special Region No. 4 markiert. Sie wird kontrolliert von der National Democratic Alliance Army (NDAA), einer der Splittergruppen, die sich nach Auflösung der Kommunistischen Partei Burmas (CPB White Flag) gebildet hatten. 1989 hatte das Fußvolk der Armee, das überwiegend aus Mitgliedern des berühmt-berüchtigten Wa-Stammes bestand, gegen die Führung rebelliert. Es entstanden diverse Nachfolgeorganisationen, von denen die United Wa State Army sicherlich die mächtigste ist. 

Die NDAA steht unter dem Kommando eines gewissen Sai Leun, eines in Hainan geborenen Chinesen, den es im Gefolge der Kulturrevolution als Rotgardisten in die Gegend verschlug. Er stieg in der Hierarchie rasch die Leiter hinauf und wurde einer der wichtigsten Kommandanten. Nach dem Zerfall der CPB machte er seinen eigenen Laden auf. Als einer der Ersten schloss er mit der Führung in Yangon ein Waffenstillstandsabkommen. Seine Soldaten durften ihre Waffen behalten und er versprach, sich nicht mehr gegen die Zentralregierung zu erheben. Seitdem kann er in ‚seinem‘ Gebiet nach Belieben schalten und walten. Anfangs wandte er sich dem Opiumhandel zu, später folgten auf anderen Feldern (Glücksspiel, Prostitution usw.). Diese erwiesen sich als so erfolgreich, dass er sein Gebiet 1997 als ‚opium free‘ deklarierte und sogar ein Drug Eradication Museum erbauen ließ. Was für ein Hohn!

Der Duft der großen weiten Welt
Mein altes Problem - die Frauen reißen sich um mich!

Wir erreichten Maingla am Nachmittag und fanden ein recht ordentliches, aber trotzdem günstiges Hotelzimmer. In dieser Stadt verdient man das Geld nicht mit der Vermietung von Hotelzimmern, sondern mit Glücksspiel und verwandten illegalen Aktivitäten. Ein bewährtes Konzept: Biete den Kunden ein preisgünstiges, schönes Hotelzimmer, damit man sie am Spieltisch und anderenorts umso besser ausnehmen kann! Funktioniert wunderbar. Um das Hotelzimmer bezahlen zu können, mussten wir unsere burmesische Währung (kyat) in chinesische Yuan umtauschen. Denn in Maingla zählt nur Letzterer! Ihren Strom bezieht die Stadt aus China und sie ist an das chinesische Mobilfunknetz angeschlossen. Wir hielten uns dort zwei Tage auf. Die ganze Stadt war grell erleuchtet, ein willkommener Kontrast zum eher dunklen Kyaing Tong, wo mehrstündige Stromabschaltungen an der Tagesordnung waren. Alles schien fest in chinesischer Hand. Die paar Burmesen, die wir dort trafen, wirkten verloren. Am Abend gingen wir essen und danach bahnten wir uns durch ein Spalier von Prostituierten den Weg in ein Casino. Dort verspielten die Chinesen wie besessen ihr Geld. Beim Blackjack (17 & 4) sah ich einen Mann, der 19 Punkte auf der Hand hatte, darunter zwei Buben – und noch eine Karte nahm! Beeindruckend und deprimierend zugleich! Und Welten entfernt von dem Glamour, mit dem sich in unseren Breiten das Glücksspiel umgibt. Down to earth!

Am nächsten Tag mussten wir uns bei der burmesischen Immigration registrieren lassen, denn irgendwie gehört das Gebiet zu Myanmar. Wir hatten Mühe, das Gebäude zu finden, es lag in einer abgelegenen Gegend der Stadt und die Beamten dort waren erfreut, mal Landsleute zu treffen. Anschließend widmeten wir uns den ‚Attraktionen‘ dieses Sündenbabels. Wir begannen mit dem Besuch der chinesischen Grenze (Daluo Port). Ganz in der Nähe lag besagtes Museum, Eintritt frei. Hut ab, die tun wirklich etwas – wenn man denn den ganzen Schwindel glaubt! Anschließend ging es zum ‚Tiermarkt‘, wo die Chinesen – meist geschützte – lebende Tiere oder Teile davon einkaufen. An manchen Stellen wurde sie frisch zubereitet. Sehr deprimierend! Crocodile wrestling durfte natürlich auch nicht fehlen: Dort konnte man Männern zuschauen, die sich mit Krokodilen im Wasser wälzten. Der Besuch einer Transvestitenshow war ein weiteres Highlight. Die Darsteller kamen meines Erachtens alle aus Thailand. Während einer Show wurde ich auf die Bühne gebeten, wo sich zwei Transvestiten zur allgemeinen Erheiterung um mich stritten. Das kenne ich sonst nur von Frauen.

Russian Girls, Foto 5 $

Schon am Abend davor war uns ein großes Schild aufgefallen: RUSSIAN GIRLS WELCOME YOU! Das durften wir uns nicht entgehen lassen! Wir bezahlten unseren Obolus und wurden in einen großen abgedunkelten Saal mit einer kleinen Bühne geführt. Der war voller Chinesen, die uns neugierig musterten. Die Show war richtig gut: Sie begann mit drei nackten Frauen, zwei davon sehnige Schlanke und eine etwas Dickere mit großen Brüsten. Sie erfreuten das Publikum mit einer Lesbian Show, komplett mit Godemiché, Vibrator, Dildo und was sonst noch dazu gehört. Anschließend stieß ein nur mit einem Zylinder bekleideter Mann dazu und sie trieben es zu viert miteinander. Die Ausdauer des athletisch gebauten Russen war bewundernswert. Die Mädels nahmen ihn richtig ran, aber er stand seinen Mann! Anal, oral, ja sogar vaginal – nichts fehlte.

Die Leute besaßen durchtrainierte Körper und machten z. T. artistische Kunststücke. Der Höhepunkt war der berühmte Flipständer, den nur wahre Könner beherrschen. Ich hatte den Eindruck, dass sie früher als Zirkusartisten aufgetreten waren. Hut ab! Fast noch sehenswerter als die Russen waren für mich die chinesischen Zuschauer. Viele von ihnen hatten Kinder mitgebracht, die sich an dem Spektakel sichtlich erfreuten. Die Erwachsenen saßen mit todernsten Gesichtern und gefalteten Händen auf ihren Plätzen und taten so, als ob sie nicht hinschauten. Keine Ahnung, was die dorthin getrieben hatte. Wir machten abschließend ein schönes Foto mit zwei der sehr netten Russinnen und damit schloss unser Abend. Ein beeindruckendes Erlebnis, an das ich noch heute gern zurückdenke.