Punk & Rap in Myanmar

Annabella Lwin - Godmother of Burmese Punk Music

Wie schon angedeutet sind nicht nur Schlager westlicher Machart in Myanmar beliebt. Auch extremere Formen westlicher Musik finden ihre Liebhaber: Hat doch eine (Halb-)Burmesin sogar in der Punk-Bewegung eine führende Rolle gespielt! 1979 wurde ‚die minderjährige Wäschereihilfe Annabella Lwin‘ (so schreibt das Rock-Lexikon) von Malcolm McLaren, dem ‚Erfinder‘ der Sex Pistols, aus ihrer Londoner Wäscherei geholt und als Frontfrau an die Spitze der Punkband Bow Wow Wow gestellt – exakt gemäß McLarens Rezept aus The Great Rock’n‘Roll Swindle: Jeder kann zum Star gemacht werden! Ihre Kassette mit acht Songs gilt als Meilenstein der Punkmusik, I want Candy war ein echter Hit! Kein Wunder – eine Coverversion von Bo Diddleys Song Bo Diddley! Die Tochter eines burmesischen Vaters und einer englischen Mutter machte zudem von sich reden, als sie für das erste Album der Band nackt posierte! Echt shocking für burmesische Verhältnisse!

Die Erben Annabella Lwins, burmesische Punks mit zerrissenen Hosen, buntem Irokesenschnitt, Rasierklingen im Ohr und was sonst noch so dazu gehört, sieht man auch heute ab und an noch leibhaftig auf Konzerten. Im deutschen Fernsehen lief sogar eine Dokumentation über die Jungs (Yangon Calling, siehe unten). Heavy Metal ist ebenfalls sehr beliebt – auf den Konzerten kommt man sich manchmal vor wie in Wacken, Schleswig-Holstein: Lederkleidung, schwere Ketten, ja sogar die beliebten Schlappen werden gegen Lederstiefel ausgetauscht – und die Regierung ignoriert es. Nach dem Konzert tut man so, als ob alles ein großer Spaß war und läuft wieder in der landesüblichen Bekleidung herum …

 

Während die Punks in der westlichen Welt meist der Unterschicht angehören, sind es in Myanmar überwiegend Kinder aus mittelständischen Familien, oder gehören gar der Oberklasse an. Die Utensilien sind nicht gerade billig und ihr Erwerb für arme Jugendliche kaum zu finanzieren.  2013 (?) erfuhr ich durch Zufall, dass deutsche Filmemacher die Punkszene Yangons mit einem Film gewürdigt hatten: Das Buch Yangon Calling (mit DVD) beschreibt sehr anschaulich das Leben von Punks in Yangon – mal ganz was Anderes. Die Band Side Effects hat sogar eine Europa-Tournee gemacht.

Gruppen wie Big Bag, The Ants, The Idiots, Wanted und andere erfreuen sich großer Beliebtheit. Aber keiner kann es mit dem coolen Rapper Sai Sai Kham Laing (siehe Foto) aufnehmen. Sein Song Mein Schwiegervater ist ein Rockstar hat einen eher ungewöhnlichen Generationenkonflikt zum Thema:

Mein Pech ist, dass mein Schwiegervater ein Rockstar ist. 

Ich bin ein Hip Hopper und ich sing‘ auch gern Rap. Ich mach‘ was ich will und das stört manchen Depp.

Ich scheiß‘ auf Disziplin, schockier‘ alle Welt. Geh‘ wie auf Wolken und nehm‘ , was mir gefällt. 

Schürz‘ meine Lippen wie der Affe Baby Milo. Schmeiß‘ die Hände in die Luft und finde es geil so! 

Jeder hat seinen Stil, doch er hasst mich von Herzen, Über seine Musik darf ich nicht scherzen!

Wirft mich am helllichten Tag einfach aus dem Haus! Seine Tochter sagt zu mir: „Scher dich endlich raus!“. 

Sie ist Wachs in seinen Händen und will am liebsten alles beenden. 

Aus lauter Angst vor ihrem Vater! Refrain: Schwiegervater Rockstar, Schwiegervater Rockstar! (Übersetzung Htet Htet und Axel Bruns) …

 

Sai Sai, mein Babe und Wine Su Khine, Mandalay Airport

Im Gegensatz zum coolen Sai Sai hat sein Rapper-Kollege Ye Lay (sozusagen der Roy Orbison der burmesischen Popmusik) eher nah am Wasser gebaut: er ist dauernd unglücklich verliebt in dickliche Mädchen. Mal stirbt seine Freundin, während er selbst an Leukämie erkrankt (Moe = Rain), in einem anderen Song verliert er bei einem Verkehrsunfall gar ein Bein, aber  zum Glück steht die Frau seines besten Kumpels, die er schon lange liebt, auf Einbeinige und die beiden werden ein Paar. 

Im Song Ein (Zuhause) läuft der Vater weg und die Mutter schlägt sich mit zwei Kindern durch. Der Vater kommt immer mehr herunter und trinkt mehr, als ihm gut tut. Als er eines Tages in einer Kneipe ein Video sieht, in dem ihm sein inzwischen zum Rapper mutierter Sohn bittere Vorwürfe macht, entschließt er sich zur Familie zurückzukehren – am Ende liegen sich alle weinend  in den Armen. Home sweet Home!