Popmusik in Myanmar

Iron Cross, legendäre burmesische Band

Erheblich beliebter als westliche Klassik, Fusion und Free Jazz sind allerdings Coverversionen westlicher Schlager. Die Burmesen sind da ausgesprochen findig und bringen Songs aus meiner Jugend, die selbst an mir (und ich kannte nun wirklich fast alles…) vorbeigegangen sind: The world is getting smaller von einem gewissen Mark Dinning summte hier eine Zeit lang jedes Kind. Kein Wunder: Einen Song, der mit der Zeile ‚Dam diri hei di, dam diri hey!‘ beginnt, kann man einfach nicht toppen!  Und der Eagles-Song Hotel California war bis in die Mitte der 90er-Jahre sogar mal so etwas wie die inoffizielle Nationalhymne – bis er von Nancy Sinatra/Lee Hazlewoods Song Summer Wine abgelöst wurde. Etwas rockiger kommen Iron Cross rüber, sozusagen das Urgestein burmesischer Rockmusik – wenn auch eher brav.  

Ein besonders interessantes Experiment gelang dem Sänger Thar Soe: Er überredete den berühmten jungen Zat-Pwe-Tänzer Po Chit und den Akkordeonspieler Ohn Gyaw, das klassische Ramayana in modernisierter Form aufzuführen: In traditionelle Kostüme gekleidete Tänzer  boten eine poppige Version des berühmten Dramas dar, mit Lichteffekten und Explosionen, begleitet von einer ‘verrapten’ Form von Ghost Riders in the Sky – echt hörenswert! Wobei bemerkenswert ist, dass Thar Soe, der in ein Pagenkostüm mit einem überdimensionierten Medaillon gekleidet war, die Rolle eines Fürsprechers für den zehnköpfigen Dathagiri (Ravana) einnahm – eine burmesische Version von Sympathy for the Devil, sozusagen. Der Akkordeonist hingegen schilderte die Vorzüge Ramas in den schillerndsten Farben.     

 

War früher Seemann der Traumberuf aller Burmesen und später dann Reiseleiter, so ist es heute der Schlagerstar. Auch meine kleine Hip-Hop-Sängerin-Freundin wollte einer werden und drängte mich seit Beginn unserer Beziehung, ihr Album zu finanzieren. Sie hatte schon auf ein paar Hip-Hop-VCDs als Gast mitgewirkt (und war wirklich gut!) und plante jetzt mit meiner Hilfe den Durchbruch auf nationaler Ebene. Da ich etliche Leute aus dem Musikbusiness kannte, war ich gar nicht abgeneigt. Ich hatte schon lange die Idee in meinem Herzen bewegt, ein paar meiner Lieblingssongs auf burmesisch covern zu lassen. Davon versprach ich mir echte Hits, da ich glaube ganz gut zu wissen, was für Musik den Burmesen gefällt. Aus diesem Grunde wollte ich, dass sie einige Songs auf dem geplanten Album inkludierte, die – wie ich fand – gut zu ihrer Stimme passten. Aber meine Kleine hatte andere Ideen! „Kommt gar nicht in Frage, ich habe keine Lust auf  deine Opasongs! Ich will R&B singen!“ – „Hey, ich soll das Album bezahlen und du willst nicht mal ein paar von mir ausgesuchte Songs da rein nehmen? Bei uns in Deutschland gilt: Wer die Musik bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird!“. Zudem ich auch noch ein unschlagbares Argument hatte: Es gibt in Myanmar nichts Populäreres als Opasongs! Wer berühmt werden will, covert einen alten Song mit Ohrwurmqualität und schon ist der Hit da. Dieser Streit (und anderes) führte zum Ende unserer Beziehung, und so müssen die Burmesen bis heute auf das Lied der Schlümpfe, Balla Balla und ähnliche Ohrwürmer in ihrer Sprache warten. Aber keine Sorge – ich arbeite daran …

Im Jahre 2008 hatte R. Zarni großen Erfolg mit der burmesischen Coverversion von Cliff Richards fast fünfzig Jahren altem Hit Don’t talk to him! Sein vorletzter Hit war I was made for loving you von KISS – auch nicht mehr ganz taufrisch. Kurzum, alles, was sich im Westen und den fortgeschrittenen Nachbarländern findet, gibt es auch hier – wenn auch in sehr burmesischer Form. In zahllosen Läden und auch an der Straße werden die neuesten Hits verkauft. Es wird hemmungslos kopiert, die einheimischen Komponisten bedienen sich ungeniert bei ihren westlichen Vorbildern – zumindest was die Musik angeht. Die Texte mussten bis vor Kurzem natürlich immer in der Landessprache gesungen werden, damit die Zensur mithören konnte. Seltsamerweise verwandeln sich alle Coverversionen immer in dasselbe: Es geht stets um Liebe, meist natürlich um enttäuschte Liebe, ein tief sitzendes tragisches Moment scheint der burmesischen Popmusik innezuwohnen. Das führt dann dazu, dass selbst ganz gemeine Texte sich unweigerlich in Liebeslieder verwandeln! Ausnahmen bestätigen die Regel. Diese Kopien werden dann wiederum – raubkopiert! Was die Kopisten sehr erbost: Wo bleibt denn da der Anstand? Da bringt man für viel Geld eine VCD (eine abgespeckte Version einer DVD) auf den Markt, setzt einen Verkaufspreis von 1.500 Kyat fest und drei Tage später ist sie als Kopie auf der Straße für 600 Kyat erhältlich. Wenn ich recht informiert bin, existiert so etwas wie Copyright in Myanmar nicht direkt, auf jeden Fall scheint es ganz anders zu sein als im Westen …

Phyu Phyu Kyaw Thein bei einem Konzert im Mandalay Hill Resort

Ich habe natürlich auch meine Favoriten unter den Sängern des Landes! Phyu Phyu Kyaw Thein, eine studierte Ärztin, hat trotz ihrer kleinen Statur eine gewaltige Stimme, die sich nicht hinter westlichen Vorbildern wie Jennifer Rush & Co. verstecken muss. Sie war laut Georg NOACK die erste Berühmtheit, die sich die Haare kurz schneiden ließ. Neben ihren gesanglichen Qualitäten fällt sie durch ausgesprochen extravagante Kleidung auf. Derzeit kann man sie in der Jury der Sendung Myanmar Idol, sozusagen eine burmesische Version von Deutschland sucht den Superstar    (DSDS) bewundern, wo sie ihre  Mitjuroren glatt aussticht. Ich trat sie eine Zeitlang regelmäßig, mal im Flieger, mal bei einem Konzert. Der Rocker Zaw Win Htut ist seit langer Zeit im Geschäft, singt auch Sozialkritisches. Einer der ganz Großen! Er hat insofern Vorbildfunktion, als er seine eigenen Songs schreibt. Und seine jüngeren Kollegen auffordert, es ihm gleichzutun, statt immer nur Hits aus dem Westen zu covern. 

Zaw Win Htut, getroffen bei einem Wohltätigkeitsfestival
Bo Phyu, der Heino vom Shan State
Myanmar Pyi Thein Tan und mein Babe
K-Pop mal ganz anders: Die berühmte nordkoreanische Damenkapelle im Koryo

Eine besonders auffällige Erscheinung auf der burmesischen Popszene ist Bo Phyu, der ‚Heino vom Shanstaat’, von amerikanischen Expats auch der ‚Burmese Johnny Winter’ genannt. Obwohl er musikalisch eher Heino nahe steht. Mit seiner Gruppe ‚The Trees‘ erfreut der extrem kurzsichtige Albino mit der dunklen Sonnenbrille vor allem die Freunde sanfterer Töne. Da kann der Berliner Norbert Hähnel, der sich lange als der Wahre Heino verkaufte, einpacken! Einst traf ich den ‚Heino’ im Music-Club Mr. Guitar und da ich wusste, dass mein Hausmädchen sein Fan ist, bat ich ihn um ein Autogramm. ‚Heino’ nahm einen Zettel und senkte seinen Kopf darüber, bis er ihn mit seiner kurzen Nase fast berührte, krakelte seinen Namen drauf. Singt und sieht aus wie Heino und ist fast so blind wie Tony Hämmerle – eine gelungene Mischung! Aber ein sehr netter Kerl!

 Da konnten nicht mal die Musikerinnen (s. u.) des inzwischen leider geschlossenen nordkoreanischen Restaurants Koryo in Yangon mit ihren schrillen Darbietungen im Stil der 60er-Jahre mithalten! 

Eine andere spezielle Marke ist der Sänger Myanmar Pyi Thein Tan, der auch als Endsechziger noch ein bisschen wie ein Teenybopperstar der 60er-Jahre rüberkommt. Hätte vom Aussehen her gut zu den Monkees gepasst – just kidding! Er hat lange Zeit in den USA gelebt und kehrte später nach Myanmar zurück.  In der Jury von Myanmar Idol machte er Phyu Phyu Kyaw Thein (s. o.) Konkurrenz. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die meisten Leute sich die Sendung nur anschauen, um zu sehen, was er sich wieder hat einfallen lassen. Ein greller Typ!